von
Ulrich Schmidt-Rohr
Heidelberg
WOLFGANG GENTNER war einer der großen Gelehrten unserer Zeit, der als
Physiker zur Kernphysik, zur Geochronologie, zur Kosmophysik und zur
Archäometrie wesentlich beigetragen hat. Er hat die Entwicklung der
Kern- und Elementarteilchenphysik von Apparaturen im Labortischformat
bis zu den großindustriellen Dimensionen der internationalen
Beschleunigerlaboratorien an führender Stelle mitgestaltet.
WOLFGANG GENTNER wurde am 23. Juli 1906 als Sohn eines Fabrikdirektors
in Frankfurt am Main geboren. Das Interesse des Schülers des
humanistischen Kaiser Wilhelm-Gymnasiums wurde schon früh durch die
Schülervorlesungen des Physikalischen Vereins und der
Senckenberg-Gesellschaft auf die Physik gelenkt. Während seines
ersten Studiensemesters an der Universität Erlangen starb sein Vater.
Er kehrte deshalb zu seiner Mutter zurück und setzte sein Studium an
der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main fort. Dort
promovierte er 1930 bei FRIEDRICH DESSAUER. FRIEDRICH DESSAUER war
Direktor des Instituts für die physikalischen Grundlagen der Medizin.
Er galt als Pionier der Röntgenmedizin und Strahlenphysik und beriet
in diesen Jahren als Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei
Reichskanzler BRÜNING. Sein Einfluß auf den Stil der
wissenschaftlichen Arbeit und die politische Position von GENTNER ist
unübersehbar.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen GENTNERs, meist zusammen mit
BORIS RAJEWSKI und SCHWERIN, befaßten sich mit der Wirkung von
kurzwelliger Strahlung und schnellen Elektronen auf Gewebe. Thema
seiner Doktorarbeit war: Untersuchungen an einer
Lenard-Coolidge-Röhre. Ihre maximale "Beschleunigungsspannung" betrug
damals 220 kV! Als Detektor diente eine 3-Gitterionisationskammer.
Die gemessenen praktischen Reichweiten füllten die Lücke zwischen den
bekannten Reichweiten mittelschneller Kathodenstrahlen einerseits und
beta-Strahlen andererseits. Für seinen Lebensunterhalt während dieser
Jahre mußte ein Stipendium der Freunde der Johann Wolfgang
Goethe-Universität Frankfurt am Main reichen. In diese Zeit fällt
auch die Eheschließung mit ALICE PFAEHLER und die Geburt ihres Sohnes
RALPH.
Gentner als Stipendiat der Oswalt-Stiftung, 1933
Durch ein Empfehlungsschreiben von DESSAUER wurde GENTNER 1933 als
Stipendiat der Oswalt-Stiftung der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main und der Carnegie-Stiftung am Radium-Institut der
Universität Paris - damals noch unter der Leitung von Madame PIERRE
CURIE - angenommen.
Experimente von LIESE MEITNER und HUPFELD bzw. MEITNER und PHILIPP
einerseits sowie von IRENE CURIE und JOLIOT bzw. CHAO, GRAY und
anderen hatten damals für den Durchgang harter gamma-Strahlung durch
Materie unterschiedliche und von der exponentiellen
Intensitätsabnahme abweichende Resultate gebracht. GENTNER und JOLIOT
erhielten deshalb den Auftrag, Klarheit in dieses unverstandene
Phänomen zu bringen. Die Gammastrahlung von ThC" aus einer 100 mC
RdTh-Quelle wurde dazu durch 3 cm Blei gefiltert, an einer
Aluminiumplatte gestreut und mit einem GEIGER-MÜLLER-Zählrohr
nachgewiesen. Auch die energiereiche Gammastrahlung aus Ra alpha + Be
und Po alpha + Be wurde damals schon verwendet. Das Ergebnis war,
daß alle Daten durch Kombination von Photoeffekt, Comptonstreuung und
Paarbildung erklärbar waren, wenn die Bremsstrahlung der Elektronen
im Streukörper und die Vernichtungsstrahlung angemessen
berücksichtigt wurden. Auf die Nachricht von CHADWICK und GOLDHABER
hin, daß Deuteronen durch gamma-Strahlung gespalten werden,
untersuchte GENTNER mit seinen starken Pariser Gammastrahlungsquellen
- unabhängig von SZILARD und CHALMERS - den Wirkungsquerschnitt des
Kernphotoeffektes am Beryllium.
Ende 1935, nach Ablauf seines Pariser Stipendiums, führten ihn seine
Arbeitsthemen zu WALTHER BOTHE nach Heidelberg. BOTHE war zusammen
mit HORN bei seinen Untersuchungen zum Durchgang harter
Gammastrahlung durch Materie zu ähnlichen Ergebnissen wie GENTNER
gekommen und untersuchte ebenfalls Neutronen aus Kernreaktionen.
GENTNER setzte seine Pariser Arbeiten in Heidelberg einerseits mit
BOTHE, andererseits mit FLEISCHMANN nahtlos fort. Bei dem Versuch,
die Energieabhängigkeit des Kernphotoeffektes am Be zu bestimmen und
bei Überlegungen über die Fortsetzung dieser Arbeiten wurde klar, daß
die Energie der ThC" - und Ra - Gammastrahlung relativ zur
Bindungsenergie der Neutronen im Kern zu klein ist und daß
Gammastrahlungsquellen mit deutlich höherer Energie und mit deutlich
größerer Intensität benötigt werden. BOTHE und GENTNER beschlossen
daraufhin, einen Bandgenerator nach VAN DE GRAAFF zu bauen. Dieses
mit den wesentlichen Merkmalen und Instrumenten moderner
elektrostatischer Beschleuniger ausgestattete Gerät wurde von GENTNER
unglaublich schnell aufgebaut. Seine Frau half dabei tatkräftig. Sie
nähte das Band für den Ladungstransport. Schon im November 1936 war
die Anregungsfunktion für 11B(p,gamma)12C bis 500 keV Energie
gemessen und im Sommer 1937 lagen umfangreiche Daten über den
Kernphotoeffekt der 17 MeV 7Li(p,gamma) Strahlung an vielen
mittelschweren und schweren Kernen vor. Der Wirkungsquerschnitt ergab
sich um zwei Zehnerpotenzen größer als von BETHE und PLACzEK
berechnet.
Die Entdeckung des Kernphotoeffektes an mittelschweren und schweren
Kernen war der bedeutendste Erfolg des Botheschen Instituts in diesen
Jahren. Dieser Erfolg verschaffte GENTNER in gewisser Weise eine
Sonderstellung.
BOTHE pflegte einen barschen Umgangston, der Doktoranden und jüngeren
Assistenten gegenüber oft dem eines Rekrutenfeldwebels nahe kam. Auch
Kollegen gegenüber äußerte er sich manchmal wenig verbindlich. Das
hatte seinen Ursprung wohl einmal in dem militärischen Ton, der in
seinen Jugendjahren in Teilen der kaiserlichen Physikalisch
Technischen Reichsanstalt üblich war. Zum anderen entsprang er der
Haltung der Planckschen Schule. LISE MEITNER hat dazu festgestellt:
"daß er nie etwas getan oder nicht getan hat, weil es ihm nützlich
oder schädlich hätte sein können. Was er für richtig erkannt hat, hat
er durchgeführt ohne Rücksicht auf seine eigene Person." Diese Devise
war für die Arbeit im Institut und die Position des Instituts unter
den politischen Umständen der dreißiger und vierziger Jahre nicht
unbedingt förderlich. GENTNER wirkte hier ausgleichend. Er wurde von
BOTHE voll respektiert und konnte zum Wohl des Instituts und
insbesondere der jüngeren Mitarbeiter die großzügige weltoffene
Atmosphäre der Frankfurter und Pariser Laboratorien, die er in seinen
Jugendjahren kennengelernt hatte, zur Geltung bringen.
Das Verhältnis zwischen der Universität und dem Kaiser
Wilhelm-Institut war 1937 so gespannt, daß eine Habilitation in
Heidelberg ausgeschlossen war. GENTNER reichte deshalb seine
Habilitationsschrift über "Die Absorption, Streuung und
Sekundärstrahlung harter Gamma-Strahlen" bei der
naturwissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang
Goethe-Universität Frankfurt am Main ein. Diese Schrift ist die beste
deutschsprachige Darstellung dieses Anfang der 30er Jahre von vielen
bekannten Physikern bearbeiteten Gebietes.
Die regelmäßigen Bahnfahrten zu seinen Vorlesungen nach Frankfurt am
Main hat er dann aber als Belastung empfunden.
Der schnelle Erfolg beim Bau des Bandgenerators führte BOTHE und
GENTNER Ende 1937 zu dem Plan, ein Zyklotron aufzubauen. Schon im
November ging ein Bericht an den Präsidenten der Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft und BOTHE begann, bei der
Helmholtz-Gesellschaft, dem Badischen Kultusministerium, den I.G.
Farben, der Planck-Stiftung und verschiedenen Reichsstellen die
erforderlichen finanziellen Mittel zu erbitten. Erste Zusagen führten
schon im September 1938 zur Bestellung des Magneten bei SIEMENS. Die
weitere Finanzierung erwies sich dann aber als äußerst problematisch.
In dieser Zeit setzte GENTNER seine Versuche zum Kernphotoeffekt fort.
Zur Klärung der Energieabhängigkeit sollte neben der 7Li(p,gamma)-
auch die 11B(p,gamma)-Reaktion eingesetzt werden, die erst bei
höherer Protonenenergie genügend Intensität liefert. Dazu mußte die
Energie des Bandgenerators erhöht werden. Nach Verdoppelung des
Durchmessers des Hochspannungsterminals, dem Einbau einer vierten
Beschleunigerröhre und der Verbreiterung des Ladebandes konnten
schließlich knapp 1 MV erreicht werden. Als Ergebnis wurde schon 1938
die später für die Riesenresonanzen der Kerne wichtige Tatsache
gefunden, daß sich der Wirkungsquerschnitt für den Kernphotoeffekt im
Gegensatz zur Erwartung mit zunehmender gamma-Energie zwischen 11 MeV
und 17 MeV etwa verdoppelt. Außerdem konnte die Niveaufolge der von
BOTHE und GENTNER vorher entdeckten Kernisomerie am 80Br geklärt
werden. Im Anschluß an diese Arbeiten konzentrierte sich GENTNER ganz
auf die Probleme des geplanten Zyklotrons.
Wie schon beim Bau des Bandgenerators ging BOTHE auch beim Zyklotron
nach der Devise vor, daß man sich nicht damit aufhalten dürfe, von
anderen entwickelte Komponenten neu zu erfinden, und daß man sich
ganz auf die kritischen Parameter konzentrieren sollte. Er setzte
sich zum Ziel, "ein Zyklotron nach LAWRENCE" zu bauen. Ein "Zyklotron
nach SIEMENS" konnte von ihm aus an anderer Stelle entwickelt werden.
Nur wenige Parameter, wie z. B. das für BOTHEs Magnetkonstruktionen
charakteristische vorgezogene Joch wurden anders als bei LAWRENCE
konstruiert, weil BOTHE bei seinen ionenoptischen Rechnungen die
Bedeutung der azimutalen Symmetrie des Magnetfeldes erkannt hatte. Um
möglichst viele Unterlagen für den Bau der Anlage zu erhalten und
Erfahrung im Umgang mit Zyklotrons zu sammeln, wurde GENTNER Ende
1938 mit Mitteln der HELMHOLTZ-Gesellschaft nach Berkeley entsandt.
Das Radiation Laboratory in Berkeley hatte sich damals gerade zum
internationalen Zentrum der kernphysikalischen Grundlagenforschung
entwickelt, und GENTNER lernte dort viele der bedeutendsten
Fachkollegen kennen. Die Nachricht von der Entdeckung der
Kernspaltung durch OTTO HAHN und die Reaktion der amerikanischen
Physiker hinterließen bleibende Eindrücke. Besonders eng arbeitete er
mit EMILIO SEGRE und COOKSEY zusammen.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland und dem bald folgenden
Kriegsausbruch wurde GENTNER vom Heereswaffenamt zum sogenannten
"Uranverein" eingezogen. Die Hochspannungsanlage, damals eine der
intensitätsreichsten deutschen Neutronenquellen, wurde daraufhin zur
Messung der Maximalenergie der Spaltungsneutronen und zur Bestimmung
der Energie der Spaltprodukte eingesetzt. Als Neutronenquelle diente
die 12C(d,n)13N bzw. 9Be(d,n)10B Reaktion. Die Neutronenenergie
konnte durch Ausmessen der alpha-Spuren aus 14N(n,alpha) mit
Photoplatten bestimmt werden. Für die Messung der Spaltprodukte war
von FLAMMERSFELD und PETER JENSEN eine Doppelionisationskammer gebaut
worden. Diese Arbeit stand am Anfang der bald enger werdenden
Zusammenarbeit zwischen GENTNER und PETER JENSEN, die zu
freundschaftlicher Verbundenheit führte. In diese Zeit fällt auch die
Geburt seiner Tochter DORIS.
Nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich im
Sommer 1940 erhielten BOTHE und GENTNER den Auftrag, das Pariser
Zyklotron, dessen Bau JOLIOT in Angriff genommen hatte, zu
inspizieren. Es zeigte sich, daß alle wesentlichen Teile montiert
waren. Der Sender, der die Hochspannung für die Dee-Elektroden
liefern sollte, war aber nicht funktionsfähig.
Im September 1940 erhielt GENTNER den Offiziellen Auftrag, eine Gruppe
deutscher Physiker und Techniker zusammenzustellen und das Pariser
Zyklotron in Gang zu setzen. Es mußte ein neuer Sender gebaut werden,
dessen Teile aus Deutschland bezogen wurden. DR. DÄNZER aus Frankfurt
am Main war der Fachmann, der diese Aufgabe kompetent erledigte.
GENTNER konnte in dieser Zeit viel für seine französischen Kollegen
tun. In dem für die Kriegszeit typischen Gewirr von Dienststellen der
Wehrmacht, der Partei und der zivilen Verwaltung operierte er
souverän. Es gelang ihm, sowohl JOLIOT wie auch LANGEVIN, die beide
in dieser Zeit verhaftet wurden, aus dem Gefängnis zu befreien. Ende
des Winters 1941/42 konnte dann das Zyklotron zum ersten Mal in Gang
gesetzt und ein Deuteronenstrahl von 7 MeV ausgelenkt werden. Mit
seiner starken Neutronenstrahlung wurden Uran- und Thoriumpräparate
bestrahlt, die Gentner dann zu OTTO HAHN nach Berlin brachte. Im
Frühjahr 1942 wurde GENTNER nach Denunziation durch einen etwas
jüngeren deutschen Kollegen aus Paris abkommandiert. Man warf ihm zu
entgegenkommendes Verhalten den Franzosen gegenüber vor. Er erreichte
aber noch, daß WOLFGANG RIEZLER aus Bonn als sein Nachfolger
eingesetzt wurde. RIEZLER setzte seine Arbeit mit Mut und Takt fort.
Der nächste Auftrag des Heereswaffenamtes betraf den Aufbau des
Heidelberger Zykltrons. BOTHE war es im Laufe des Jahres 1941
gelungen, die erforderlichen Geldmittel und Bescheinigungen
zusammenzubringen und alle wesentlichen Teile endgültig zu bestellen.
So konnte sofort mit dem Aufbau der Stromversorgungen und des Senders
begonnen werden. Anfang März 1943 wurde der Magnet angeliefert und
schon im Dezember wurden zum ersten Mal Deuteronen beschleunigt.
Dieser unglaublich knappe Terminplan zeigt, mit welch ungewöhnlichem
Arbeitseinsatz und mit wieviel Geschick damals gearbeitet wurde.
Die Aufträge des Heereswaffenamtes hatten zur Folge, daß GENTNER 1941
als Dozent mit Lehrauftrag an der Universität Heidelberg zugelassen
wurde. Er scheute sich nicht, dort für die Relativitätstheorie und
die Quantenmechanik einzutreten, die damals in der Hochburg der
"deutschen Physik" verpönt waren. Für das Sommersemester 1944
kündigte er sogar mit MAIER-LEIBNITZ eine Vorlesung mit dem Titel:
"Der Durchgang von Röntgen- und Gammastrahlen durch Materie" an,
obwohl die Verwendung des Begriffs Röntgenstrahlen statt x-Strahlen
im Philipp Lenard-Institut als Sakrileg galt. GENTNERs Ernennung zum
außerordentlichen Professor erfolgte 1945.
Die Verbindung mit der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
am Main riß aber nicht ganz ab. HERMANN DÄNZER hatte nach dem Erfolg
in Paris auch in Heidelberg die schwierige Aufgabe der Inbetriebnahme
des Senders übernommen und überzeugend gelöst.
Am Zyklotron standen 1944 die Herstellung radioaktiver Isotope und die
Nutzung der sehr großen Neutronenintensitäten im Vordergrund. Bei dem
Versuch, den Strahl abzulenken, stellte sich heraus, daß man die
erreichbare Ablenkspannung überschätzt hatte und daß nur ein
Deuteronenstrahl von 7 MeV bei stark abgesenktem Magnetfeld
ausgelenkt werden konnte. Daraufhin wurde eine Reihe von originellen
Sonden mit verschiedenen Geometrien gebaut, die sich durch ein großes
Schieberventil am Kammerfenster einschleusen und in den Strahl
schieben ließen.
Die Einweihungsfeier für das Zyklotron am 2. Juni 1944 war eine der
typischen Institutsfeiern, wie sie in den 40er und 50er Jahren in den
damals noch kleinen physikalischen Instituten üblich waren. Im
familiären Stil gab es Wurf-, Vakuum- und Präparatwettbewerbe, an
denen auch die Ehefrauen teilnahmen. GENTNER war in Heidelberg und
Freiburg einer der großen Meister dieser Feiern. Ende des Jahres
1944 machten sich die berüchtigten Feinlecks im Rotguß der
Zyklotronkammer mehr und mehr bemerkbar, die in zermürbender
Kleinarbeit bekämpft werden mußten. Die Besetzung Heidelbergs durch
amerikanische Truppen setzte dann dem Institutsbetrieb ein
vorläufiges Ende.
Damit fand auch die fast zehnjährige Zusammenarbeit mit WALTHER BOTHE
ihren Abschluß, die sich als so fruchtbar erwiesen hat, weil GENTNER
mit seinem Blick für das Wesentliche, mit seiner Großzügigkeit und
seiner auf solider Gesundheit gegründeten Arbeitskraft BOTHE in
glücklicher Weise ergänzte.
Schon bald nach Kriegsende erhielt GENTNER eine Anfrage aus Hamburg,
ob er bereit wäre, dort die Leitung des physikalischen Instituts zu
übernehmen. Die Verhandlungen zogen sich lange hin, bis er
schließlich einen Ruf auf das Ordinariat für Experimentalphysik an
der Universität Freiburg erhielt, den er annahm. GENTNER hat mit
gutem Grund später häufig davon gesprochen, wie risikoreich die
Arbeit auf dem esoterischen Gebiet der Kernphysik der 30er Jahre
gewesen ist und daß er und seine Kollegen sich damals immer sagen
mußten: "Die Hochschullaufbahn endet auf einem Ordinariat oder im
Straßengraben". Sein Mut zum Risiko und seine Arbeitsleistung hatten
ihm jetzt glanzvolle Zukunftsperspektiven eröffnet.
GENTNERS Vorgänger STEINKE war ein Schüler von HESS. Er hatte in
Freiburg mit Ionisationskammern an Hand von Dauerregistrierungen den
Tages- und Sternzeitgang der kosmischen Ultrastrahlung bestimmt. Aus
politischen Gründen war er nach 1945 nicht zu halten. Sein Institut
war durch Bomben völlig zerstört. GENTNER ließ sich in zwei
stehengebliebenen Hälften des recht neuen pharmazeutischen Instituts
an der Katharinenstraße nieder, die er relativ schnell in einen
benutzbaren Zustand versetzte. weitere Neubauten folgten. Von BOTHEs
Assistenten ging PETER JENSEN mit ihm nach Freiburg und setzte mit
Hilfe von Gastaufenthalten in ausländischen Laboratorien seine
Arbeiten zum Kernphotoeffekt und zur (n,2n) Reaktion fort.
Von Freiburg aus wurden die Kontakte zu den Pariser Kollegen wieder
enger geknüpft. JOLIOT-CURIE war in Frankreich zum Hochkommissar für
Atomenergie ernannt worden. Er veranlaßte, daß GENTNER die Verwaltung
der Forschungsinstitute in der französischen Besatzungszone
übertragen wurde. Von 1947 bis 1949 war GENTNER außerdem Prorektor
der Universität Freiburg.
Das Hauptproblem der Hochschullehrer dieser Zeit war, an die vielen
Studenten angemessene Diplom- und Doktorarbeiten zu vergeben. GENTNER
verfolgte dabei zwei Richtungen. Von SITTKUS, CITRON u. a. wurden
Arbeiten über die
kosmische Strahlung
und die Elementarteilchen in
Gang gebracht, die später in das Programm von CERN einmündeten.
GENTNERs persönliches Interesse konzentrierte sich aber mehr auf die
Altersbestimmung von Gesteinsproben, die radioaktive Isotope
enthalten. Dieses Gebiet hatte der Physikochemiker v. HEAVESY in
Freiburg viele Jahre lang bearbeitet. Es konnte ohne starke
Radiumquellen oder größere Teilchenbeschleuniger mit einer
hochentwickelten Zähltechnik und Massenspektrographen erfolgreich
angegangen werden. Als wichtigstes Untersuchungsobjekt erwiesen sich
bald die Proben aus dem benachbarten Kalibergwerk Buggingen.
Die Kalium-Uhr war vom Prinzip her seit Anfang des Jahrhunderts
bekannt. Es war aber nicht gelungen, den K-Einfang des 40K zum 40A
physikalisch nachzuweisen. Die geologischen Verhältnisse der
Bugginger Kalisalze gestatteten es GENTNER und seinen Mitarbeitern,
den Argongehalt und das Alter unter Berücksichtigung von Diffusion
und Luftverunreinigungen recht genau zu bestimmen. Die 40K-40A-Uhr
war damit geeicht. Aufgrund der Verbreitung von Kalium und der
leichten Meßbarkeit der Argonisotope mit Massenspektrometern stand
damit die bei weitem wichtigste Methode der radioaktiven
Altersbestimmung geo- und kosmophysikalischer Objekte zur Verfügung.
Sie wurde in einem langjährigen Programm von GENTNERs Schülern,
insbesondere von ZÄHRINGER und FECHTIG, auf Gesteinsproben,
Meteorite, Tektite und Mondproben vielfältig angewandt.
Bei häufigen Besuchen in der Schweiz, in Paris und in den U.S.A.
wurden dann die ersten Gespräche zur Gründung eines europäischen
Laboratoriums für Hochenergiephysik geführt. GENTNER war neben
HEISENBERG von Anfang an Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und
nahm seit 1951 an allen wichtigen Besprechungen teil. Nach Gründung
des CERN-Rates im Februar 1952 begannen gleich die Planungen für das
Synchrozyklotron und das Protonensynchrotron, bei denen GENTNER
zusammen mit
CITRON und SITTKUS
wichtige Teilaufgaben bearbeitete.
GENTNERs wichtigste Stütze in seinem Amt als Vorsitzender der
Schutzkommission des Bundesministers des Inneren war damals SITTKUS,
der seine umfangreichen Kenntnisse zum Strahlenschutz bei den
CERN-Planungen einbringen konnte. Von großer Bedeutung für die
Bauplanung waren neben GENTNERS Weitblick seine Erfahrungen aus dem
Wiederaufbau der Universität Freiburg. Es war charakteristisch für
ihn, daß er weit voraus an Dinge dachte, die erst Jahre später ins
allgemeine Bewußtsein rückten. So hielt er schon 1952 in Heidelberg,
zum Erstaunen von BOTHE und den BOTHE-Schülern, einen Vortrag über
Mondkrater.
Sehr bald nach der offiziellen Gründung des CERN-Laboratoriums in Genf
im Jahre 1954 wurde GENTNER zum Direktor der Abteilung
Synchrozyklotron und Direktor der FOrschung des CERN ernannt.
Parallel zur Anfrage vom CERN hatte er von der Stuttgarter
Landesregierung als erster die Leitung des Kernforschungszentrums
Karlsruhe angeboten bekommen, dessen Bau damals gerade beschlossen
worden war. Er lehnte mit der Begründung ab, daß er lieber auf dem
Gebiet der reinen Grundlagenforschung arbeiten wolle.
In Genf herrschte damals Pionieratmosphäre. Von einem kleinen Raum in
einer Baracke am Rande des Flughafens aus dirigierte GENTNER die
vielen tatendurstigen jungen Physiker und Ingenieure, die aus allen
Teilen Europas nach Meyrin gekommen waren. Das Problem der noch nicht
überwundenen Ressentiments aus der Kriegszeit und der verschiedenen
Nationalitäten meisterte er souverän.
Das Synchrozyklotron lieferte schon am 1. August 1957 den ersten
Strahl. GENTNERS Name ist der erste in der Liste der Physiker, die im
Protokollbuch den Vermerk der erfolgreichen Inbetriebnahme
unterschrieben haben.
Die Position beim CERN erforderte viele Reisen und in der Anfangszeit
auch unzählige Fahrten zwischen Freiburg und Genf. GENTNER, nach dem
Krieg einer der ersten mit eigenem spprtlich aufgemachtem Auto, war
ein routinierter Autofahrer. Regelmäßig - noch ohne Autobahn am
frühen Morgen loszufahren und Genf vor 9 Uhr zu erreichen, stellte
aber selbst für ihn auf die Dauer eine zu große physische Belastung
dar. Er mietete schließlich ein Haus am Ufer des Genfer Sees, dessen
Veranda in den Abendstunden oft den gesellschaftlichen Mittelpunkt
für CERN und seine Besucher bildete. Bei günstigem Wetter schied man
mit dem unvergeßlichen Eindruck der Strahlen der untergehenden Sonne
auf Mont Blanc und See.
Nach BOTHES TOd im Februar 1957 stand die Zukunft seines Heidelberger
Instituts längere Zeit zur Diskussion. Stimmen, die vorher für
Schließung plädiert hatten, traten schließlich in den Hintergrund,
weil die Physiker der Heidelberger Universität die wissenschaftliche
Leistungsfähigkeit des Instituts zur Geltung brachten. Das umgebaute
Zyklotron war seit 1956 in Betrieb und es liefen weltweit anerkannte
Arbeiten über die Nichterhaltung der Parität in der schwachen
Wechselwirkung. RUDOLF MÖSSBAUERS Experimente, die zur Entdeckung des
nach ihm benannten Effektes führten, waren schon im vollen Gang.
Ende 1957 nahm der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, OTTO HAHN,
Verhandlungen mit GENTNER auf, die im Mai 1958 zum Senatsbeschluß zur
Gründung eines Max-Planck-Instituts für Kernphysik führten. Am 1.
Oktober 1958 wurde GENTNER zum Direktor des Max-Planck-Instituts für
Kernphysik ernannt. Die Universität berief ihn gleichzeitig auf ein
Ordinariat.
Schon während des Krieges hatten BOTHE und GENTNER Pläne für ein
neues Kaiser-Wilhelm-Institut mit größeren Teilchenbeschleunigern
ausgearbeitet. GENTNER griff diese Ideen wieder auf und trat in
langwierige Verhandlungen mit der Stadt Heidelberg über ein
geeignetes Baugelände. überlegungen, das Institut eventuell in
Freiburg zu errichten, führten im Juli 1959 zum Beschluß des
Heidelberger Gemeinderates, ein weitläufiges Gelände am Abhang des
Königstuhles 200 m über der Stadt zur Verfügung zu stellen. In engem
Kontakt mit den Kernphysikern der Universität, insbesondere mit O.
HAXEL und J. H. D. JENSEN, nahm GENTNER als ersten Schritt die
Aufstellung eines Tandem-Beschleunigers mit einer Maximalspannung von
6 MV in Angriff. Außerdem wurde ein besonderes Gebäude für
Kosmophysik vorgesehen, um mit radioaktiven Methoden
Altersbestimmungen an Meteoriten durchzuführen. Zu beiden
Arbeitsgebieten kamen jüngere Physiker aus Freiburg mit GENTNER nach
Heidelberg. Sie hatten mit STIERLIN an den Freiburger Bandgeneratoren
Kernreaktionen leichter Kerne untersucht oder an Massenspektrometern
gearbeitet.
Mit dem Aufbau der Kosmophysik begannen ZÄHRINGER und FECHTIG schon
1958 im alten Institut an der Jahnstraße.
Praktisch gleichzeitig mit dem Max-Planck-Institut für Kernphysik
wurden die Kernforschungszentren in Karlsruhe und Jülich aufgebaut.
Es war die Zeit, in der die kernphysikalische Forschung in der
Bundesrepublik geordnet werden mußte. Das war auch Anlaß für das
Manifest der Göttinger 18 zur Atomwaffenproduktion. GENTNER gehörte
wie J. H. D. JENSEN nicht zu den Göttinger 18. Wenn auch mit dem
Anliegen der Erklärung solidarisch, lehnte er die implizit damit
verbundene moralische Entrüstung über die Handlungsweise
amerikanischer Kollegen ab. Er meinte, daß sich die Kernphysiker
nicht einfach aus diesem Problem davonstehlen könnten. Man müsse sich
klar darüber sein, daß die großzügige finanzielle Förderung der
Kernphysik, die in den 50er Jahren zu ihrer explosionsartigen
Entwicklung mit großen Beschleunigern und Forschungsreaktoren führte,
nicht aufgrund öffentlichen Interesses an der Grundlagenforschung
sondern wegen der Bedeutung von Kernwaffen und Kerntechnik in Gang
gekommen sei.
Mitte 1959 gab GENTNER seine Position beim CERN ab und konzentrierte
sich auf den Aufbau des neuen Max-Planck-Instituts. Die Anerkennung
als Wissenschaftler und seine einmalige Erfahrung im Bau von
Instituten und der Organisation moderner physikalischer FOrschung
führten dazu, daß die neuen Labor- und Werkstattgebäude
funktionsgerecht und außerordentlich schnell aufgebaut wurden. Schon
im Oktober 1961 begann die wissenschaftliche Arbeit am
Tandembeschleuniger und Ende 1963 konnte das Hauptgebäude, das
Walther-Bothe-Laboratorium, bezogen werden. In dem vierköpfigen
Planungsstab, dem neben dem renommierten Architekten LANGE der
erfahrene Ingenieur WEIMER angehörte, dominierten GENTNERs Argumente,
Ideen und Vorschläge bis in die Fragen der Bautechnik.
Als zweiten Schritt hatte GENTNER den Aufbau eines Synchrozyklotrons
für Protonen von einigen 100 MeV ins Auge gefaßt. Dieser Plan stieß
Ende 1963 auf den entschiedenen Widerstand HEISENBERGs und des
Präsidiums der Max Planck-Gesellschaft und mußte deshalb fallen
gelassen werden. Der weitere Aufbau von nicht zu aufwendigen
Beschleunigern für schwere Ionen wurde dagegen gutgeheißen. GENTNERs
wissenschaftliches Interesse konzentrierte sich daraufhin stärker auf
die Kosmophysik und die Arbeiten am CERN, mit dem er immer in engem
Kontakt blieb. Dort war er von 1969-71 Vorsitzender des
Wissenschaftsausschusses und von 1972-74 Präsident des Rates.
Durch Vermittlung von DR. COHN und AMOS DE SHALIT in Genf hatten
GENTNER und OTTO HAHN schon 1959 eine Einladung erhalten, das
Weizmann-Institut in Rehovot zu besuchen. während dieses Besuchs
wurden der Austausch junger Wissenschaftler aus Israel und
Deutschland und gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten vereinbart. Mit
Hilfe der Stiftung Volkswagenwerk gelang es GENTNER bald, ein
ständiges Komitee für die Zusammenarbeit zwischen dem
Weizmann-Institut und der Max Planck-Gesellschaft zu gründen. ADENAUER
sorgte bei seinem Besuch in Israel dann dafür, daß dieses Unternehmen
ab 1963 unter dem Namen MINERVA vom deutschen
Wissenschaftsministerium großzügig unterstützt wurde. GENTNER
richtete als Vorsitzender des MINERVA-Komitees in Heidelberg ein
Sekretariat ein und organisierte regelmäßige Treffen in Israel und
Deutschland. Das Weizmann-Institut ernannte ihn 1965 zum Ehrenmitglied
und 1975 zum einzigen deutschen Mitglied des Board of Governors. Nach
seinem Tod wurde ein GENTNER-Lehrstuhl am Weizmann-Institut
eingerichtet und die regelmäßigen MINERVA-Symposien erhielten den
Namen GENTNER-Symposien.
Eine weitere wissenschaftliche Institution, um die sich GENTNER Mitte
der 60er Jahre verdient gemacht hat, ist die Heidelberger Akademie
der Wissenschaften. Die Akademie hatte ihn schon 1957 vor seiner
Übersiedlung nach Heidelberg zum ordentlichen Mitglied gewählt und
ihm 1964 das Amt des Präsidenten übertragen. Ihr Ziel, neben
interfakultativen und interuniversitären Gesprächen interdisziplinär
wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen, wurde 1965 durch
drastische Etatkürzungen im Kultusministerium des Landes und im
Bundesforschungsministerium in Frage gestellt. Der größte Teil der
Mittel in den meist langzeitigen Projekten wurde für das Personal
eingesetzt. Dessen Besoldung war plötzlich nicht mehr gesichert.
Außerdem hatte die Raumnot der Akademie einen bedrohlichen Zustand
erreicht. GENTNER fand Hilfe bei der Stiftung Volkswagenwerk und dem
Stifterverband. Er erreichte, daß die Akademie die Rechte einer
Körperschaft des öffentlichen Rechts erhielt und daß die Etatisierung
beim Land gesichert wurde.
In der zweiten hälfte der 60er Jahre konnte GENTNER auch vielen
Freunden beim Aufbau wissenschaftlicher Institutionen behilflich
sein. Mit seinen Kenntnissen über die Organisation der französischen
Wissenschaftsverwaltung half er MAIER-LEIBNITZ bei der Gründung des
Instituts Laue-Langevin in Grenoble, und er unterstützte SCHMELZER
bei den Vorarbeiten und dem Aufbau der Gesellschaft für
Schwerionenforschung in Darmstadt. Zusammen mit BERNARDINI war er
1968 in Florenz Mitbegründer der Europäischen Physikalischen
Gesellschaft.
Wolfgang Gentner, 1965
Sein wissenschaftliches Interesse galt in diesen Jahren in erster
Linie den Einschlagkratern. Schon 1959 hatten J. zÄHRINGER und H.
FECHTIG Messungen an Tektiten gemacht. Bei der Klärung des
Diffusionsmechanismus von Argon, der für die Kalium-Argon-Uhr wichtig
ist, wurden besonders sorgfältig die Moldavite untersucht. Dies sind
Tektite aus Böhmen, die als reine Glasmasse keine Gitterstruktur
besitzen. Mineralogische Untersuchungen von Proben aus dem
Meteoritenkrater von Arizona und vom Nördlinger Ries hatten zu dieser
Zeit die Diskus sion der 30er Jahre über den meteoritischen oder
vulkanischen Ursprung des Rieskraters neu belebt. LIPPOLT untersuchte
daher Glasproben aus einem Stein bruch am Ostrand des Rieses und
ermittelte ein Alter von etwa 15 10**6 Jahren. Das stimmte innerhalb
kleiner Fehler mit dem Alter der Moldavite überein. Dieses Ergebnis,
dem viele weitere Untersuchungen bis zum Ende des Jahrzehnts folgten,
machten GENTNER zum bedeutendsten Vertreter der Meteoritenkraterhypothese.
Um die Herkunft der Tektite aus Einschlagkratern von Meteoriten
zweifelsfrei zu beweisen, nahm er 1963 die Strapazen einer Expedition
zum Bosumtwi-See 300 km landeinwärts von der Küste Ghanas auf sich.
Messungen von ZÄHRINGER und WAGNER an dem gefundenen Kraterglas
bestätigten die für die Tektite der Elfenbeinküste ermittelten Alter.
Damals wurde auch schon die später viel verwendete Spaltspurenmethode
zur Altersbestimmung eingesetzt.
Nach der Apollo-Mission war es naheliegend, die über irdische
Einschlagkrater gewonnenen Erkenntnisse auf die Mondkrater und später
auch auf die Kraterbilder von Mars und Merkur anzuwenden. GENTNER
sprach Anfang der 70er Jahre bei vielen Gelegenheiten darüber, meist
unter dem Titel: "Die Narben im Antlitz der Himmelskörper." Im Laufe
der Jahre nahmen die historischen Einleitungen in seinen Vorträgen
einen immer größeren Raum ein. Sie leiteten über zur Archäometrie,
seinem letzten Forschungsgebiet.
GENTNER hatte sich schon einige Zeit mit der Archäometrie befaßt und
hatte nach geeigneten Partnern Umschau gehalten, als er 1974 begann,
zusammen mit WAGNER und MüLLER Spurenelemente und isotopische
Zusammensetzung in altgriechischen Silbermünzen zu untersuchen. Der
Vergleich mit Gesteinsproben, die auf oft mühevollen Exkursionen in
alten Bergwerken gesammelt wurden, zeigte die Herkunft des
Münzsilbers. Die Kombination von Neutronenaktivierungsanalyse,
Bleiisotopenanalyse, Thermolumineszenzdatierung und
Radiokohlenstoffdatierung führten bald zu überraschenden Ergebnissen
über das Alter des Bergbaus in Europa. Mit nahezu 5000 Jahre alten
Blei-Silber-Gruben wurde die früheste bisher bekannte
Blei-Silber-Gewinnung entdeckt.
Den größten Teil seiner Arbeitskraft beanspruchte in diesen Jahren
aber das Amt des Vizepräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft. GENTNER
war schon von 1967-70 Vorsitzender der
physikalisch-chemisch-technischen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft
gewesen und hatte dabei für langanstehende Probleme einiger
Max-Planck-Institute überzeugende und realisierbare Lösungsvorschläge
vorgelegt. In diese Zeit fällt z. B. die Gründung des
Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg.
Das Ende seiner Amtszeit als Sektionsvorsitzender wurde dann durch
zwei Operationen überschattet, die ihn jeweils viele Monate von
seinem Institut fernhielten. Die eine betraf die Linsen seiner Augen.
Dort hatten sich die berüchtigten Katarakte gebildet, die etwa 25
Jahre nach starker Neutronenbestrahlung auftreten. Sie hatten ihren
Ursprung in seiner Pariser Zeit. Durch ein Fenster in der Kammer des
Zyklotrons hatte er dort häufig nach der Position des umlaufenden
Strahls gesehen.
Anfang 1972 war er aber soweit wiederhergestellt, daß er das Amt des
Vizepräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft in freundschaftlicher
Zusammenarbeit mit LÜST übernehmen konnte. So bestimmte er in
den schwierigen Jahren der Konsolidierung nach mehr als 10 Jahren
stürmischer Expansion die Geschicke der Max-Planck-Gesellschaft mit.
Seine Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu pflegen,
half ihm dabei genauso wie die bewundernswerte Bereitschaft seiner
Frau ALICE, private Anliegen und dienstliche Verpflichtungen in
Einklang zu bringen.
GENTNER wurde eine große Zahl hoher Ehrungen zuteil. Er war Mitglied
vieler wissenschaftlicher Akademien und des Ordens Pour le merite für
Wissenschaft und Künste. Ausgezeichnet wurde er mit dem Großen
Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, dem Officier
de la Legion d'Honneur, dem Ernst-Helmut-Vits-Preis, der
Cothenius-Medaille in Gold und dem Otto Hahn-Preis der Stadt
Frankfurt.
Er starb am 4. September 1980 in Heidelberg.